Mirko Pohl von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt fasst im Kurzinterview die Angebote rund ums Thema Medienbildung und Informations- und Nachrichtenkompetenz zusammen:
Welche interessanten Angebote gibt es in Niedersachsen zum Thema Informations- und Nachrichtenkompetenz?
In journalistischer Hinsicht umfasst Informations- und Nachrichtenkompetenz vor allem die drei klassischen Schritte der Informationssuche: eine qualifizierte Einschätzung der Quellen, das Verstehen und kontextuelle Einordnen der gewonnenen Informationen sowie die reflektierte und verantwortungsvolle Weitergabe. Dies beinhaltet zudem Kompetenzen, Desinformationen und Fake News zu erkennen und kritisch mit Medien umzugehen, beispielsweise mit der Wirkweise von journalistischen Darstellungsformen. In diesem Rahmen finden in Niedersachsen eine Vielzahl wertvoller Projekte statt. Die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) fördert die beiden Projekte „n-report – Journalismus & Schule“ des NLQ und das „Schul-Internetradio“ unmittelbar. In praxisnahen Seminaren lernen Lehrkräfte, wie journalistisches Arbeiten (Schreiben, Foto, Audio-, Video, Online) in der Schule verankert werden kann. Unterstützt wird das Projekt durch professionelle Journalist:innen und Medienpädagog:innen der von der NLM getragenen multimediamobile. Im Schul-Internetradio der Landesinitiative n-21, das in Kooperation mit der NLM durchgeführt wird, lernen Schüler:innen und Lehrkräfte in Workshops und Fortbildungen journalistische, gestalterische und technische Grundlagen der auditiven Berichterstattung. Regelmäßig berichten Schüler:innen im Format „Landtag online“ aus dem Niedersächsischen Parlament und vermitteln aktuelle Landesthemen aus der politischen Diskussion. Alle Audios sind öffentlich über die Projektseite hörbar. Ebenso leisten die Bürgermedien in Niedersachsen in einem einmaligen Setting einen wichtigen Beitrag zur Informations- und Nachrichtenkompetenz von Bürger:innen, aber auch von Jugendlichen, indem sie Plattformen für die mediale Kommunikation zur Verfügung stellen und fachliche Anleitung in der Erstellung von Medienbeiträgen bieten.
Auch in Bremen gibt es ein etabliertes Angebot zur Stärkung der Informations- und Nachrichtenkompetenz: den Bremer Medienschultag, der dieses Jahr bereits zum vierten Mal stattfand. Die Initiative der Medienmeile Bremen e.V. bringt Journalist:innen für eine Doppelstunde in Schulklassen in Bremen und Bremerhaven. Dort geben sie Einblicke in ihre Arbeit und sprechen über Aufgaben, Verantwortung und Selbstverständnis journalistischer Medien – insbesondere über die Bedeutung faktenbasierter Berichterstattung.
2025 beteiligen sich u. a. WESER-KURIER, Radio Bremen, Nordsee-Zeitung, ENERGY Bremen, RADIO ROLAND, dpa und ZDF.
Wie sieht es mit der Medienbildung im Land aus? Gibt es spezielle Initiativen oder Projekte?
Die Medienbildung in Niedersachsen ist sowohl quantitativ als auch qualitativ gut aufgestellt. Einen anschaulichen Überblick über die facettenreichen Initiativen und Angebote bietet das aktuell veröffentlichte Landeskonzept „Medienkonzept in Niedersachsen – Ziellinie 2030“. Darin sind die Aktivitäten der letzten fünf Jahre und die Zielsetzungen bis ins Jahr 2030 beschrieben. Die Gesamtheit der Medienbildung wird durch ein engmaschiges und weitverzweigtes Netz an Akteur:innen auf verschiedenen Ebenen getragen: von Ministerien über Fortbildungsinstitute und Vereine bis zu freiberuflichen Medienpädagog:innen. Inhaltlich bestehen in Niedersachsen ähnliche Bedarfe wie in allen anderen Bundesländern. Dazu gehören ein gesunder Umgang mit Smartphone und Social-Media-Anwendungen, das Konzept Digitale Schule, das Erkennen von Desinformation, der Umgang mit Hass und Hetze, die Wissens- und Kompetenzkluft der Generationen sowie die Stärkung von Eltern, Lehrkräften und Erzieher*innen in der Medienerziehung. In einem bevölkerungsreichen Flächenland wie Niedersachsen besteht die besondere Herausforderung darin, effektive und zugleich sinnvolle Strukturen in der Medienbildung zu schaffen. Mit der Etablierung von digital basierten Veranstaltungskonzepten und Lernangeboten haben sich beispielsweise neue Werkzeuge und Vermittlungsformen entwickelt, die so Ressourcen für die inhaltlich-konzeptionelle und zielgruppenorientierte Medienbildung schaffen.
Was machen Sie im Rahmen von „Journalismus macht Schule“ in Niedersachsen?
„Journalismus macht Schule“ fand in Niedersachsen in den letzten Jahren nur in begrenztem Umfang statt. Trotz des überzeugenden Konzepts konnten einzelne Akteur:innen die Initiative lediglich im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten umsetzen. In diesem Jahr hat sich ein Netzwerkbündnis aus öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk, Zeitungs- und Journalistenverband, Bildungsinstitutionen und -initiativen gebildet, das die Förderung der Informations- und Nachrichtenkompetenz stärken und im Speziellen die Aktivitäten von „Journalismus macht Schule“ in Niedersachsen fördern möchte. Das Projekt soll als kontinuierliches Angebot verstetigt werden. Das Bündnis bemüht sich derzeit um die dafür notwendige finanzielle Ausstattung.
Konkret laufen aktuell die Planungen für eine Aktionswoche zum Tag der Pressefreiheit Anfang Mai 2026. Neben den Unterrichtsprojekten soll es dann auch Fachdiskussionen und Fortbildungen geben.
Warum ist das Thema Informations- und Nachrichtenkompetenz für Sie wichtig?
Als Medienpädagoge halte ich das Vertrauen in Medien für eine essenzielle Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben. Unser Bild von der Welt entsteht zu großen Teilen aus medial vermittelten Informationen. Nur wenn ich Informationen einschätzen kann, dienen sie mir als Orientierung. Haltungen, Positionierungen bis hin zu aktivem Handeln sind von der Einschätzung von Informationen abhängig. Verunsicherung durch Fake News, Desinformation oder schlichtweg Unsinn können ein Misstrauen und ein Bedürfnis nach einfachen, oberflächlich plausiblen Wahrheiten schaffen. Insofern gilt es, die Fähigkeit zu schulen, Informationen lesen und einordnen zu können.
Was würden Sie sich in Zukunft in diesem Bereich wünschen?
Bald ist ja Weihnachten, die Zeit der Wünsche. Hier aber nur ein paar:
- mehr Freiraum: Es wäre gut, wenn Schulen in Niedersachsen die Zeit und Kraft finden würden, sich mit diesen und anderen wichtigen Themen der Medienbildung zu beschäftigen und sie systematisch zu integrieren, weil Informationskompetenz eine Querschnittskompetenz ist.
- langfristige Finanzierung: Projekte wie „Journalismus macht Schule“, „Demokratie Visionen“, „Byte24“ und andere wertige Angebote brauchen stabile Förderung, damit sie nicht nur punktuell stattfinden.
- Elternarbeit ausbauen: Wir brauchen mehr Angebote, Eltern über Medienrisiken aufzuklären, damit Medienkompetenz nicht nur bei Kindern vermittelt wird, sondern auch zu Hause stärker verankert ist.
- Medienkompetenz weiterentwickeln: Themen wie KI, Deepfakes, algorithmische Filterblasen sollten stärker behandelt werden – die Medienkompetenz von morgen braucht den Blick auf moderne Phänomene.
Welche Pläne gibt es, um das Thema Informations- und Nachrichtenkompetenz weiter auszubauen?
Ein wesentlicher Baustein zur Förderung der Informations- und Nachrichtenkompetenz in Niedersachsen ist zunächst die Etablierung von „Journalismus macht Schule“. Damit wäre ein wichtiger Schritt getan. Darüber hinaus macht es Sinn, auf die vielen guten Angebote der Landesmedienanstalten aufmerksam zu machen. Der News-Test der Kolleg:innen aus Berlin-Brandenburg ist ein hervorragendes Instrument, um die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten im Informationsbereich zu testen. Klicksafe liefert tolle Anregungen für die pädagogische Praxis und das Internet-ABC sensibilisiert schon im Grundschulalter für den Umgang mit Nachrichten und Meldungen aus dem Netz. Die Beratungsplattform JUUUPORT! bietet in ihren KI-Laboren Veranstaltungen für Schulen zur Thematik „KI und Desinformation“ an. Insofern gibt es bereits einen umfassenden Pool an qualifiziertem Material für die schulische und außerschulische Medienbildung, aber wir müssen auch immer weiter die medialen Entwicklungen aufnehmen und Angebote anpassen bzw. neu schaffen. Das sehen wir als eine unserer wesentlichen Aufgaben.