Kurzinterview mit Sabine Kirst

Sabine Kirst von der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen (SLpB) berichtet über Projekte, Initiativen und Perspektiven aus der politischen Bildung.

Welche interessanten Angebote gibt es in Sachsen zum Thema Informations- und Nachrichtenkompetenz?

In Sachsen gibt es eine Vielzahl spannender Angebote zur Stärkung der Informations- und Nachrichtenkompetenz. Das liegt vor allem daran, dass es in Sachsen ein ausgeprägtes Netzwerk medienbildender Vereine, Initiativen und Projekte gibt, die unterschiedlich gefördert bzw. unterschiedlich strukturell verankert sind. Angefangen von Fortbildungen für zukünftige und bereits arbeitende Lehrkräfte durch das Landesamt für Schule und Bildung bis hin zu allgemeinen Weiterbildungen für Erwachsene im Freizeitbereich ist alles dabei. Zudem gibt es eine ganze Reihe von Angeboten im Bereich der außerschulischen politischen Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch für Kinder im Grundschulalter bzw. den Klassen 5 und 6, die in Sachsen ja nicht mehr zur Grundschule gehören, denn in Sachsen startet man mit Klasse 5 an der weiterführenden Schule – entweder eine Oberschule oder ein Gymnasium.

Die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung selbst ist eine Einrichtung der Erwachsenenbildung. Wir arbeiten hier insbesondere im Themengebiet politische Medienbildung. Das tun im Übrigen alle Landeszentralen auf unterschiedliche Weise.

Wir denken politische Bildung und Medienbildung zusammen. Dazu gehört natürlich auch die Stärkung der Urteils- und Diskursfähigkeit, um begründete Entscheidungen treffen und angemessen handeln zu können. Hierzu gibt es bei uns viele spannende Angebote. Zuerst wäre da der Erklärvideowettbewerb „Erklärbär“ zu nennen. Hier erstellen Kinder und Jugendliche ein Erklärvideo zu einem für sie wichtigen Thema aus Gesellschaft und Politik. Zu nennen wären die Aktionstage für Netzpolitik und Demokratie, diese finden bundesweit und jährlich im November statt. Die Landeszentralen bündeln ihre Angebote in ihren jeweiligen Ländern auf der Seite https://netzpolitische-bildung.de/. Da ist für alle etwas dabei. Dann bieten wir in Kooperation mit dem Aktion Zivilcourage e.V. den Fachtag „Irgendwas mit Medien“ an, der sich explizit an Fachkräfte aus Schule, Jugendarbeit, (Schul-)Sozialarbeit und politischer Bildung richtet.  Daneben gibt es bei uns viele kleinere Projekte wie Vorträge, Workshops sowie Print und digitale Angebote, zum Beispiel unsere Website, wo wir das Thema Desinformation ausführlich aufgearbeitet haben. Außerdem setzen wir bei jeder Landtagswahl in Sachsen gemeinsam mit der Bundeszentrale den Wahl-o-Mat um.

Wie sieht es mit der Medienbildung im Land aus? Gibt es spezielle Initiativen oder Projekte?

Wie bereits oben erwähnt, gibt es eine ausgeprägte medienbildende Landschaft in Sachsen. Im Folgenden nenne ich einige wichtige Akteurinnen und Akteure. Im Bereich der Erwachsenenbildung fördert die Sächsische Landesmedienanstalt in 15 Wirkungskreisen verschiedene Trägereinrichtungen, so dass diese mit Erwachsenen im Themenbereich arbeiten können. Die Koordinierungsstelle Medienbildung Sachsen hat den Auftrag vom Sächsischen Staatsministerium für Kultus gerade im außerschulischen Bereich medienbildende Akteur:innen zusammen zu bringen und ggf. gemeinsame Aktivitäten zu koordinieren. Dann gibt es das Netzwerk Medienpädagogik Sachsen, in dem insbesondere die Träger:innen aus den Wirkungskreisen zusammen geschlossen sind. Hier gibt es außerdem auch viele Freiberufler, die über das Netzwerk Anschluss gefunden haben. Und: Die Sächsischen Volkshochschulen, zu deren Aufgabe unter anderem die Daseinsvorsorge umfasst, sind ebenso Trägerinnen von Angeboten der Medienbildung.  Schließlich gibt es noch die SLpB, das Mitglied in oben genannten Netzwerken ist. Wir haben im vergangenen Jahr zum ersten Mal mit Journalismus macht Schule ausgetestet, wie Schülermedientage umgesetzt werden können.

Was machen Sie im Rahmen von Journalismus macht Schule in Ihrem Bundesland?

Bislang befinden wir uns noch in der Findungsphase. Wir haben im vergangenen Mai einmal ausprobiert, wie wir Schülermedientage umsetzen können. Im Prinzip ist das ein Aktionszeitraum, in dem Schülerinnen und Schüler mit Journalistinnen und Journalisten in Kontakt kommen, um mit ihnen über Quellenarbeit, Arbeitsweisen von Redaktionen, Mediensystem etc. ins Gespräch zu kommen. Im Mai begannen wir eine spannende Reihe, sie heißt „Vom Wert der Presse und ihrer Freiheit“. Herzstück waren natürlich die Journalistenbesuche. Diese haben aber nicht an einzelnen Schulen stattgefunden, sondern in unserem Chemnitzer Projektbüro, das wir ihm Rahmen der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 eingerichtet haben. Zusätzlich dazu gab es am Nachmittag auch ein Fortbildungsangebot für Fachkräfte aus Schule und Bildung. Zwei Wochen später bestand für weitere Interessierte die Möglichkeit, an einem Redaktionsbesuch bei der Freien Presse in Chemnitz teilzunehmen. Im Oktober beschließen wir die Veranstaltungsreihe mit einer Vorführung des Films „Was bleibt?“. Darin geht es um die Arbeit von drei Auslandskorrespondentinnen und den Herausforderungen, die ihnen alltäglich begegnen.

Wie sich das Ganze weiterentwickeln lässt, haben wir noch nicht abschließend beraten. Umsetzungsmöglichkeiten überlegen wir gerade. Aber: unser Schwerpunkt ist ja Erwachsenenbildung und Journalismus macht Schule richtet sich hingegen an Schülerinnen und Schüler. Da müssen wir also genau überlegen, wie das weitergehen könnte, nicht dass hier am Ende doppelt Strukturen entstehen.

Warum ist das Thema Informations- und Nachrichtenkompetenz für Sie wichtig?

Zunächst einmal müssen wir uns vor Augen halten, dass uns die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Artikel 19 und das Grundgesetz in Artikel 5 Informationsfreiheit garantiert. Dieses Recht in Anspruch zu nehmen, darüber denken wir oft gar nicht mehr nach. Wir ziehen die Handys aus der Tasche und checken eben mal schnell die News. Im Auto hören wir vielleicht Nachrichten nebenbei. Oder wir entspannen uns am Wochenende mit der Sonntagszeitung und einer guten Tasse Tee oder Kaffee. Das ist für uns in Deutschland zur Selbstverständlichkeit geworden. Dazu kommt noch eine zweite wichtige Sache, die für Deutschland auch in Artikel 5 geregelt ist: Woher wissen wir, was in der Welt, in unserem Land oder unserer Stadt passiert ist und ob sich das Berichtete auch so zugetragen hat? Ohne freie Berichterstattung ist es uns nicht möglich, breit gestreute Informationen überhaupt erst einmal wahrzunehmen. 

Mit diesem Recht ist aber auch die Notwendigkeit verbunden, Quellen und Informationen und Informationskanäle zu hinterfragen, zu analysieren und das Berichtete einordnen zu können. Nur so können wir uns ein Urteil bilden und nur so können wir entscheiden und begründet handeln. Meinungen sind keine Fakten. Kommentare sind keine Berichte und Reden sind keine Gesetzesvorhaben. Das ist wichtig in der Betrachtung von zum Beispiel politischen Entscheidungen, von Gesetzgebungsverfahren oder auch bei Wahlen. Deswegen ist Nachrichten- und Informationskompetenz so wichtig – um sich selbst ein umfassendes Urteil bilden zu können, um Pro und Contra bei Entscheidungen abwägen zu können. Und: die Art, wie sich Menschen über politische Sachverhalte informieren hat sich durch die Sozialen Medien grundlegend verändert. Der Journalismus hat seine Gatekeeper-Funktion verloren, es wird immer schwieriger, seriöse von Falschinformationen zu unterscheiden. Daher ist Informations- und Nachrichtenkompetenz eine Schlüsselkompetenz für alle Menschen in einer funktionierenden Demokratie.

Was würden Sie sich in Zukunft in diesem Bereich wünschen?

Ein großer Wunsch meinerseits wäre dieser: Es sollte weiterhin verlässliche Strukturen für die bereits bestehenden Angebote geben und insbesondere für solche, die die Bewertungs- und Reflexionsfähigkeiten der verschiedenen Zielgruppen stärken. Das ist ein Marathon und kein Sprint, weswegen es sehr schön ist, zu sehen, dass hier bereits an sehr vielen unterschiedlichen Stellen sowohl auf staatlicher als auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene seit fünf bis sechs Jahren Metzwerke und Strukturen entstanden sind. Da wäre es sinnvoll und erforderlich, dranzubleiben. Denn es gibt viel zu tun.

Welche Pläne gibt es, um das Thema Informations- und Nachrichtenkompetenz weiter auszubauen?

Für uns ist es zunächst wichtig, die bereits unternommenen Schritte auszuwerten, um zu sehen, was sich an welcher Stelle bewährt hat und was nicht, aber auch, welche Aufgaben an anderer Stelle besser aufgehoben wären. Der Vermittlung von Informations- und Nachrichtenkompetenz wird auch weiterhin ein wichtiger Stellenwert im Rahmen des Veranstaltungs- und Publikationsangebotes der SLpB zukommen. Man muss jedoch auch realistisch sein und sagen, dass für dieses Thema, in einer Einrichtung deren Auftrag die politische Erwachsenenbildung des gesamten Freistaates Sachsen ist, nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung stehen.