Impulspapier: Kampf gegen Desinformation
Nachrichten- und Informationskompetenz stärken: Was Deutschland von anderen Ländern lernen kann
Desinformation ist eine der größten Bedrohungen für demokratische Gesellschaften weltweit. Durch oft schwer zu erkennende Propaganda und Halbwahrheiten in sozialen Netzwerken, die Wirkung von Algorithmen und die Verfälschung mittels KI nimmt ihre Reichweite und Wirkung rasch weiter zu. Umso wichtiger ist es, dass junge Menschen früh lernen, Informationen kritisch zu prüfen, Quellen einzuordnen und journalistische Qualitätsstandards zu verstehen. Genau hier kommt der Schule eine Schlüsselrolle zu – doch aktuell wird das deutsche Schulsystem dieser Aufgabe nur unzureichend gerecht.
Der gerade erschienene Media Literacy Index 2026 zeigt: Länder sind unterschiedlich gut darauf vorbereitet, mit Desinformation umzugehen. Finnland und die Niederlande gelten dabei als besonders gute Beispiele.
In Deutschland taucht das Thema zwar unter Überschriften wie „Medienbildung“ oder „Medienkompetenz“ in den Lehrplänen der Bundesländer auf, doch Nachrichten- und Informationskompetenz steht dabei oft nicht im Mittelpunkt. Häufig liegt der Fokus eher auf technischen Aspekten oder auf Themen wie Cybermobbing. Die gezielte Auseinandersetzung mit Journalismus, Desinformation, Fact-Checking oder der Rolle von Medien für die Demokratie bleibt dagegen oft unbeachtet. Unser JmS-Impulspapier zeigt, dass andere Länder diese Herausforderung deutlich strategischer angehen.
In Staaten wie Finnland, Österreich, England, Frankreich, den Niederlanden, Australien oder Kanada gibt es nationale Media-Literacy-Konzepte, klar definierte Kompetenzrahmen und eine verbindlicheVerankerung von Nachrichten- und Informationskompetenz im Lehrplan. Oft wird das Thema nicht nur einzelnen Fächern zugeordnet, sondern als durchgängige, fächerübergreifende Aufgabe verstanden.
Besonders auffällig ist dabei die enge Zusammenarbeit mit externen Partner:innenn: NGOs, Journalist:innen und Medienhäuser bringen ihre Expertise direkt in die Schulen ein, etwa zu Fact-Checking, zur Entstehung von Nachrichten oder zum Umgang mit Desinformation. Landesweite Medienwochen, Wettbewerbe und öffentlichkeitswirksame Aktionen sorgen zusätzlich dafür, dass das Thema sichtbar bleibt und an Bedeutung gewinnt.
Außerdem braucht es mehr Klarheit darüber, was konkret unter Nachrichten- und Informationskompetenz zu verstehen ist. Es reicht nicht, das Thema pauschal unter dem Begriff „Medienbildung“ zu führen. Gefordert sind konkrete Lernziele und Inhalte – und die Einsicht, dass nicht nur Informatiklehrkräfte zuständig sind. Gerade Lehrkräfte in Sprachfächern und Gesellschaftswissenschaften spielen eine zentrale Rolle, wenn es um kritisches Denken, Meinungsbildung und demokratische Teilhabe geht.
Aus der Analyse dieser internationalen Beispiele ergeben sich elf konkrete Handlungsempfehlungen für Deutschland, die ausführlich im Impulspapier zu finden sind:
Nachrichten- und Informationskompetenz sollte von Anfang an verbindlich und fächerübergreifend unterrichtet werden.
Inhalte und Ziele müssen klar definiert und konkret im Lehrplan festgelegt sein.
Medienkompetenz muss auch KI, Algorithmen und informatische Grundlagen einschließen.
Das Thema gehört in viele Fächer, nicht nur in den Informatikunterricht.
Lehrkräfte brauchen verpflichtende Fortbildungen und bessere Ausbildung dazu.
Zentrale Plattformen sollen Materialien und Fortbildungen bündeln.
Journalist:innen sollten ihr Praxiswissen in Schulen einbringen.
Es braucht eine bundesweit abgestimmte politische Strategie.
Eine zentrale Ansprechperson auf Bundesebene sollte das Thema koordinieren.
Aktionstage, Wettbewerbe und Preise stärken die öffentliche Wirkung.
Die Wirksamkeit der Maßnahmen muss besser erforscht werden.
Das Impulspapier ist in redaktioneller Zusammenarbeit mit dem Bildungsdossier Kuhn + Schleper, das Recherchen und Analysen im Bildungsbereich bietet, entstanden. Annette Kuhn und Holger Schleper verbinden langjährige Erfahrung im Bildungs-, Politik- und Wissenschaftsjournalismus mit dem Anspruch, Bildungsthemen tiefgründig und verständlich aufzubereiten. Sie bringen ihre Expertise in Dossiers, Moderationen und Beratungsformaten ein.
Der Blick nach Finnland | Interview mit Leo Pekkala (KAVI)
Für die Vorstellung der Studie beim JmS-Netzwerktreffen 2025 fand ein Interview mit Leo Pekkala, stellvertretender Direktor des National Audiovisual Institute in Helsinki statt. Er betonte die Bedeutung frühzeitiger und systematischer Medien- und Nachrichtenbildung, die fest im Curriculum verankert ist und kritisches Denken, Quellenbewertung sowie den reflektierten Umgang mit digitalen Informationen fördert. Das Kurzinterview gibt es jetzt zum Nachhören auf unserem YouTube-Kanal.
